Oskar Maria Graf

Aus AkiWiki

Version vom 7. Mai 2020, 04:10 Uhr von Wiki (Diskussion | Beiträge)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche



Inhaltsverzeichnis

Dorfbanditen

Unschuldsengel sind die neun Kinder der Bäckerfamilie Graf nicht. Vor allem die Buben treiben es bunt. Ob sie sich heimlich Flobert-Gewehre besorgen und wildern gehen, beim Nachbarn Erdbeeren aus dem Garten klauen und dabei bereit sind, den Wache stehenden Spitz zu erschließen: Grafs Kindheits- und Jugenderinnerungen zeigen eine raues Dorfleben um 1900. Prügelstrafen und Kinderarbeit sind an der Tagesordnung, raufende und saufende Bauern ebenso. So amüsant und anekdotisch heiter diese autobiografischen Geschichten sind, sie zeigen eine harte und brutale dörfliche Lebenswirklichkeit.

124 Seiten Allitera Verlag (7. Juli 2011) Sprache: Deutsch ISBN-10: 9783869060118 ISBN-13: 978-3869060118 ASIN: 3869060115

240120 via fb miriam


Wollt Ihr nun wissen

Wollt Ihr nun wissen, was und wer ich bin, so sage ich: Mir ist als Bub von zehn bis zwölf Jahren so gründlich wie vielleicht keinem der Glaube an das Menschliche im Menschen herausgeprügelt worden, daß es viele Jahrzehnte, fast bis an die Grenze meines Greisenalters, gebraucht hat, bis ich wenigstens einiges von diesem Glauben wieder zurückgewinnen konnte.

Und ohne diesen Glauben kann kein Mensch existieren. Meine einzige Rettung war, daß ich - um nicht einfach eines Tages meinem Leben den Garaus zu machen - mit einer bohrenden Verbissenheit ohnegleichen stets vor mir selber und der Öffentlichkeit Beichte ablegte, mich derart entlarvte und bloßstellte, bis es mir vor mir selber unsagbar graute. Und da es in der Natur jedes Menschen liegt, stets von sich auf andere zu schließen, so kann man sich denken, welche Erschütterungen dieses sich immer wiederholende Grauen in mir hervorgerufen hat. Es steigerte sich schließlich zum ohnmächtigen Eingeständnis, daß der Mensch eine unergründliche Fehlleistung der Schöpfung ist, wie ein Blatt im Wind hilflos ausgeliefert den Mächten seiner Herkunft, seines mühseligen Werdens und den dunklen, fast unbezwingbaren Trieben.

Das trieb mich zum Schreiben, und das, daß auch der Mitmensch dadurch ermutigt wird, so in sich zu schauen und dadurch zu einer Verträglichkeit mit seiner Umwelt zu kommen, war einzig und allein der Sinn meines ganzen Schaffens und Wirkens.

Oskar Maria Graf: Beschreibung eines Volksschriftstellers


Ich war nie Parteisozialist

Ich war nie Parteisozialist und habe mir nicht erst von marxistischen Schriftgelehrten sagen lassen müssen, was Sozialismus ist. Mir ist – um mit Gorki zu reden – „mein Sozialismus von Kind an auf den Rücken geprügelt worden“. Das hat mich – nicht etwa aus einem inneren Wagnis, sondern gleichsam instinktiv und zwangsläufig – zum Rebellen gemacht, über dessen Wesen ich mir längst vor Camus Klarheit verschafft habe. Der Rebell bedarf keiner sozusagen moralischen Zurede von anderer Seite, er handelt nicht nach dem Rezept einer politischen Überzeugung, die ihm von irgendwelchen politischen Ideologen oktroyiert worden ist, sondern einzig und allein aus einer grundmenschlichen Empörung gegen jeden Mißbrauch der Schwächeren durch die Stärkeren, aus der erlittenen Einsicht, daß Unrecht und Unmenschlichkeit, niederträchtiger Massenbetrug und chauvinistische Völkerverhetzung gemeine Verbrechen asozialer Machthaber sind. Das macht ihn zum Sozialisten, denn kein Mensch kann schließlich allein und für sich wirken, und bei allem provokativen Einzelgängertum, das ihn kennzeichnet, wird die Grundhaltung des Rebellen doch von dem unzerstörbaren Glauben an die Solidarität der Gleichen bestimmt. Mehr als für jeden anderen Menschen besteht für ihn die unabweisbare Verpflichtung, zu jeder Zeit und mit allen seinen Kräften dafür einzustehen und zu kämpfen, was im Grunde genommen alle wahrhaft sozialistischen Parteien erringen wollen: eine Gesellschaftsordnung, in welcher der einzelne und die Völker das gleiche Recht erhalten, in Freiheit und Frieden am Aufbau einer glücklichen Welt mitzuwirken. Danach habe ich stets zu handeln versucht, und jeder, der dafür kämpfte – ganz gleich, ob er sich nun Kommunist, freier Sozialist oder Sozialdemokrat nannte -, war und ist für mich ein „Genosse“. Dafür haben viele meiner Freunde, und nicht nur Arbeiter, sondern Geistige, gläubige Christen und Priester, die Folterungen in den Konzentrationslagern oder den Märtyrertod erlitten. Dies je zu vergessen, hielte ich für einen schamlosen Verrat.

in: Hans Dollinger: Das Oskar Maria Graf Lesebuch, München (List) 1993, S. 84 ff.

http://www.oskarmariagraf.de/werk-ausgewaehlte-texte-nachschrift-zu-diesem-protest.html


Graf und die räterep. in bayern

Nach kurzer Inhaftierung ist Graf im Gegensatz zu Toller und Mühsam einer längeren Festungshaft entkommen. So dass er schon Anfang der Zwanzigerjahre die Leitung eines Arbeitertheaters übernehmen konnte. Daneben probierte er sich literarisch weiter aus. So veröffentlichte er, auch am Anfang der Zwanzigerjahre, einen Gedichtband mit Indianergedichten,

http://www.signaturen-magazin.de/dichter-in-der-muenchner-raeterepublik--oskar-maria-graf-.html

+

bayern-revolution-1919 https://www.br.de/themen/bayern/inhalt/geschichte/bayern-revolution-1919-weisser-terror100.html

0704 via googlen


Oskar Maria Graf: Rebell, Weltbürger, Erzähler

Das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 präsentiert eine Ausstellung des Literaturhauses München ...

Ausstellungseröffnung am 03.04. 19h mit den Kuratorinnen Karolina Kühn und Laura Mokrohs, Jochen Nix (Lesung) und Vassily Dück (Akkordeon) Eintritt frei, Anmeldung unter www.dnb.de/veranstaltungfrankfurt oder Tel. 069 1525-1987

Die Ausstellung zeigt den bayerischen Dichter Oskar Maria Graf (1894–1967) als internationalen, weltoffenen, auch rebellischen Schriftsteller. Im Mittelpunkt stehen die Zeit des Exils und die Frage nach der „wahren Heimat“.

Von 1933 bis 1938 lebte Graf in Wien und Brünn und ab 1938 in der Metropole New York, deren Vielfalt und Vitalität er liebte. Als Autor von weltliterarischem Rang schrieb er im Exil seine größten Werke – Texte, die vor dem Hintergrund der heutigen weltpolitischen Lage von großer Aktualität sind und deren Wiederentdeckung lohnt.

Zugleich blieb er der „Heimat“ verbunden, insbesondere durch seine Sprache, aber auch durch seine Erscheinung: Seine Lederhose legte er auch auf der Fifth Avenue nicht ab.

4. April – 7. September 2019

Eintritt frei.



Oskar Maria Graf und seine Freunde - ein lit.wiss. Seminar von Miriam Gil

Auf den Spuren eines Schriftstellers, der Zeuge der Münchner Räterepublik war und mit seinem Roman „Wir sind Gefangene“ ein Dokument zur bayerischen Zeitgeschichte schuf.


1. Oskar Maria Graf – Leben und Werk. Die Flucht nach München===

Der berühmte Anarchist in Lederhosen mal anders betrachtet : von einem der nach München kam und zwischen die Weltkriege

Literatur: literaturwissenschaftlicher Aufsatz von Miriam Gil und Auszüge aus der rororo Bildmonografie zu Oskar Maria Graf


2. Dokument der Zeitgeschichte: Wir sind Gefangene ===

Der Roman als ein Stück Geschichtsschreibung : bekannte Orte und Stimmen

Literatur: Wir sind Gefangene von Oskar Maria Graf


3. Freunde, Anarchisten und Revolutionäre – Münchner Räterepublik ===

Die Politisierung des jungen Graf und seiner Weggefährten: von Räten, Sozialisten und Anarchisten

Literatur: literaturwissenschaftlicher Aufsatz von Miriam Gil und Textauszüge aus dem Widerspruch, Münchner Zeitschrift für Philosophie


4. Das Leben meiner Mutter – Exil und Heimatbegriff ===

Landleben und neue Heimat New York - Besuch in Moskau

Literatur: Das Leben meiner Mutter von Oskar Maria Graf und Auszüge aus „Gefangenschaft und Lebenslust“ – Eine Werkbiographie von Oskar Maria Graf


5. Stammtischbesuch bei der Oskar Maria Graf Literaturgesellschaft im Gasthaus Fraunhofer in München

Literatur (bei Interesse) „Zur Umfrage unter der Oskar-Maria Graf Literaturgesellschaft im Jahre 2014 zur Erinnerung an 100 Jahre Beginn des Ersten Weltkrieges“ von Miriam Gil, erschienen im Jahrbuch der Literaturgesellschaft 2014

Exkursion nach München – Speis und Trank in ungezwungener Atmosphäre am Oskar-Maria-Graf-Stammtisch – Fragen und Anregungen sind herzlich Willkommen

Literatur wird digital verschickt und zusätzlich werden ausgewählte Textauszüge als Kopien von der Dozentin zur Verfügung gestellt


Miriam Gil

Seit 2017 freiberufliche DaF-Dozentin; BA in DaF mit Nebenfach Philosophie; Redaktionsmitglied in der Münchner Zeitschrift für Philosophie Widerspruch; www.widerspruch.com; Schreibendes Mitglied in der Oskar Maria Graf Literaturgesellschaft; www.oskarmaria graf.de In Grafing Stadt aufgewachsen und ehemals Schriftführerin in der Jugendinitiative Grafing e.V.


Literatur:

  • Gerhard Bauer: Oskar Maria Graf – Gefangenschaft und Lebenslust -Eine Werk-Biographie. Süddeutscher Verlag, München, ISBN 3-7991-63555-7
  • Rororo Bildmonografie Oskar Maria Graf, Georg Bollenbeck ISBN 3 499 50337 9
  • „Wir sind Gefangene“ von Oskar Maria Graf
  • „Das Leben meiner Mutter“ von Oskar Maria Graf
  • Widerspruch, Münchner Zeitschrift für Philosophie „Räterepublik in Bayern“ Nummer 67 ISSN 0722-8104


https://www.antiliteratur.com/studium-generale

s.a.

Auf dem Land

Auf dem Land fahren keine Autos, nur wenige Menschen bald Ich überquere die Straßen wo ich möchte und laufe durch den Wald Die Tannen und Laubbäume zeichnen Schattenspiele auf den Kiesweg, Ich gehe schneller und bald sind auch die Häuser schon weg Meine Freunde begleiten mich; unterstützen und erheitern mich Angekommen am Platz breitet man die Decke aus Geht erst am Abend wieder heim und ruht sich gemeinsam in der Sonne aus.

(c) Miriam Gil

ebd.

Oskar Maria Graf: Verbrennt mich

Zwei Tage nach der Bücherverbrennung, am 12. Mai 1933, veröffentlichte Graf diesen Artikel in der Wiener Arbeiterzeitung:


"Verbrennt mich


Wie fast alle links gerichteten, entschieden sozialistischen >>>> > Geistigen in Deutschland, habe auch ich etliche Segnungen des >>>> > neuen Regimes zu spüren bekommen: Während meiner zufälligen >>>> > Abwesenheit aus München erschien die Polizei in meiner dortigen >>>> > Wohnung, um mich zu verhaften. Sie beschlagnahmte einen >>>> > großen Teil unwiederbringlicher Manuskripte, mühsam >>>> > zusammengetragenes Quellenstudien- Material, meine sämtlichen >>>> > Geschäftspapiere und einen großen Teil meiner Bücher. Das alles >>>> > harrt nun der wahrscheinlichen Verbrennung. >>>> > >>>> >

Ich habe also mein Heim, meine Arbeit und - was am Schlimmsten >>>> > ist - die heimatliche Erde verlassen müssen, um dem >>>> > Konzentrationslager zu entgehen. Die schönste Überraschung aber >>>> > ist mir erst jetzt zuteil geworden: Laut "Berliner Börsencourier" >>>> > stehe ich auf der "weißen Autorenliste" des neuen Deutschlands, >>>> > und alle meine Bücher, mit Ausnahme meines Hauptwerkes "Wir >>>> > sind Gefangene", werden empfohlen: Ich bin also dazu berufen, >>>> > einer der Exponenten des "neuen" deutschen Geistes zu sein! >>>> > >>>> >

Vergebens frage ich mich: Womit habe ich diese Schmach >>>> > verdient? Das "Dritte Reich" hat fast das ganze deutsche >>>> > Schrifttum von Bedeutung ausgestoßen, hat sich losgesagt von der >>>> > wirklichen deutschen Dichtung, hat die größte Zahl seiner >>>> > wesentlichsten Schriftsteller ins Exil gejagt und das Erscheinen >>>> > ihrer Werke in Deutschland unmöglich gemacht. Die >>>> > Ahnungslosigkeit einiger wichtigtuerischer Konjunkturschreiber und >>>> > der hemmungslose Vandalismus der augenblicklich herrschenden >>>> > Gewalthaber versuchen all das, was von unserer Dichtung und >>>> > Kunst Weltgeltung hat, auszurotten und den Begriff "deutsch" >>>> > durch engstirnigsten Nationalismus zu ersetzen. >>>> > >>>> >

Ein Nationalismus, auf dessen Eingebung selbst die geringste >>>> > freiheitliche Regung unterdrückt wird, ein Nationalismus, auf >>>> > dessen Befehl alle meine aufrechten sozialistischen Freunde >>>> > verfolgt, eingekerkert, gefoltert, ermordet oder aus Verzweiflung in >>>> > den Freitod getrieben werden. Und die Vertreter dieses >>>> > barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch >>>> > rein gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als einen ihrer >>>> > "Geistigen" zu beanspruchen, mich auf ihre sogenannte "weiße >>>> > Liste" zu setzen, die vor dem Weltgewissen nur eine schwarze >>>> > Liste sein kann! >>>> > >>>> >

Diese Unehre habe ich nicht verdient! Nach meinem ganzen Leben >>>> > und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu >>>> > verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des >>>> > Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen >>>> > Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande >>>> > gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber >>>> > wird unauslöschlich sein wie eure Schmach! Alle anständigen >>>> > Zeitungen werden um Abdruck dieses Protestes ersucht."

http://karldietz.blogspot.de/2013/05/oskar-maria-graf-verbrennt-mich-1933.html

s.a.

Oskar Maria Graf: Verbrennt mich Faksimile in digital: http://www.oskarmariagraf.de/werk-ausgewaehlte-texte-verbrennt-mich.html


Bert Brecht - Die Bücherverbrennung

Als das Regime befahl, Bücher mit schädlichem Wissen
Öffentlich zu verbrennen, und allenthalben
Ochsen gezwungen wurden, Karren mit Büchern
Zu den Scheiterhaufen zu ziehen, entdeckte
Ein verjagter Dichter, einer der besten, die Liste der
Verbrannten studierend, entsetzt, daß seine
Bücher vergessen waren. Er eilte zum Schreibtisch
Zornbeflügelt, und schrieb einen Brief an die Machthaber. 
Verbrennt mich! schrieb er mit fliegender Feder, verbrennt mich! 
Tut mir das nicht an! Laßt mich nicht übrig! Habe ich nicht
Immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt
Werd ich von euch wie ein Lügner behandelt! Ich befehle euch, 
Verbrennt mich!


Oskar Maria Graf : nacha mach 'ma halt a Revolution - via DNB

http://d-nb.info/946363145

Oskar Maria Graf : nacha mach 'ma halt a Revolution ; eine interaktive Biographie ; eine Driftwood-Produktion der Krieger, Zander und Partner GmbH / Bayerischer Rundfunk. Angela Holzwig. Hrsg. von Anton Kehl und Franz-Maria Sonner

Person(en) Holzwig, Angela (Mitwirkender) Graf, Oskar Maria (Mitwirkender) Organisation(en) Krieger, Zander und Partner (München) (Herausgebendes Organ)

Ausgabe Orig.-Multimedia-Ausg. Verlag München : Systhema

Zeitliche Einordnung Erscheinungsdatum: 1995

Umfang/Format 1 CD-ROM : farb., mit Ton, mit Videosequenzen ; 12 cm, in Behältnis 23 x 17 x 2 cm + Beil. (58 S. : Ill., graph. Darst.)

ISBN/Einband/Preis 978-3-634-23112-5 : DM 98.00 (freier Pr.), S 798.00 (freier Pr.), sfr 96.00 (freier Pr.) 3-634-23112-2 : DM 98.00 (freier Pr.), S 798.00 (freier Pr.), sfr 96.00 (freier Pr.)

Beziehungen Multimedia-CD-ROM für PC

Anmerkungen Systemvoraussetzungen: 80486-DX-Prozessor mit mind. 33 Mhz Taktfrequenz; 8 MB RAM; Windows ab Version 3.11 oder Windows 95; CD-ROM-Laufwerk (Double Speed: 300 KB/sek.); 8-Bit-Soundkarte (Soundblaster-kompatibel, zu empfehlen ist allerdings eine 16-Bit-Soundkarte). - Titel auf dem Behältnis

Schlagwörter Graf, Oskar Maria ; CD-ROM

Sachgruppe(n) 53 Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft

Frankfurt Signatur: 1995 CRB 149 Bereitstellung in Frankfurt

Leipzig Signatur: 1995 CRB 149 Bereitstellung in Leipzig

3008 via fb miriam


Oskar Maria Graf : nacha mach 'ma halt a Revolution - via BSB

https://opacplus.bsb-muenchen.de/search?isbn=3634231122&db=100&View=default


0209 via bsb



Neue Perspektiven auf das Werk

Lyrik Kabinett München.

20. Dezember 2015

Von der Münchner Boheme zum amerikanischen Exil – Neue Perspektiven auf das Werk Oskar Maria Grafs

Von Miriam Gil


Am 4. Dezember 2015 fand direkt gegenüber dem Universitätshauptgebäude, im Lyrik Kabinett München, eine Tagung statt, in der anhand von insgesamt neun verschiedenen Vorträgen „Neue Perspektiven auf das Werk Oskar Maria Grafs vorgestellt worden sind. Das Lyrik Kabinett ist in einem sachlichen grauen Beton- Glas-Würfel untergebracht. Abends ist der Eingang blau beleuchtet, man blickt vom Hof aus direkt in studentische Kleinapartements in der Amalienstraße.

Ein Stacheldraht-Kunstwerk ziert den Vorhof, in dem Studenten gerne ihre Mittagspause verbringen. Drinnen dringt das Licht zwischen massiven Holzbalken von sehr hoch oben auf die Bühne. Neben der umfangreichen Präsenzbibliothek in schweren Stahlschiebern hängen Künstlerabbildungen und Künstlergewänder in Wachs und Gips an der Wand.

Waldemar Fromm, Vorsitzender der OMG-Gesellschaft, bezeichnet das Lyrik Kabinett als „einen der zauberhaftesten Orte“, die er kenne. So könne er sich vorstellen, öfters dort zu arbeiten.

Er bedankt sich für die gute Aufnahme hier und betont noch einmal, dass die Veranstaltung möglich geworden ist durch die Kooperation zwischen dem Institut der Deutschen Philologie, dem Doctoral Research Training des Graduate Center der LMU, dem Literaturarchiv Monacensia und der Oskar Maria Graf-Gesellschaft.

Er eröffnet einen langen Sitzungstag mit den Worten: „Wie Leser sich verhalten, das kann die Literaturgesellschaft, die sich übrigens immer über neue Mitglieder und Interessierte freut, wohl nicht beeinflussen – wir können aber dem Werk Grafs einen neuen Hauch Aktualität einhauchen, indem wir uns mit ihm auseinandersetzen, denn gerade in dieser Zeit mit der Migrationswelle könnte der Roman 'Anton Sittinger' eine Stimmung aufzeigen, die wir so nicht mehr haben wollen.“

Ein Blick in die Zuhörerschaft stimmt optimistisch: Erfreulich, dass so viele junge Zuhörer zu sehen sind! Frau Tworek von der Monacensia gibt mit ihrem Beitrag „Wo Literatur entsteht. Der Exil-Schreibtisch von Oskar Maria Graf“ den Auftakt. Weil ein Dichterschreibtisch einem Schriftsteller immer Sicherheit und Kontinuität gebe, freue sich die Monacensia, die solche Tische sammle, besonders über solche, wie den von Graf, der originalgetreu mit all seinen Utensilien präsentiert werden könne. Fragen nach der Herkunft des Tisches und seiner Umgebung, beantwortet Frau Tworek umfassend.

Die Wohnung in New York sei 1967 in Zusammenarbeit mit der Stadt München komplett geräumt worden: „Wir waren an dem Gesamtkonzept der Zwei- Zimmer-Wohnung interessiert, immerhin lebte Oskar Maria Graf bis zu seinem Tod 1967 in genau dieser Wohnung. Im Roman 'Er nannte sich Banjo' erfahren wir, dass der Tisch von einem Freund gezimmert worden ist. 1947 schrieb Graf sich mit 'Unruhe um einen Friedfertigen' sozusagen wieder in die Heimat zurück. In seinem 'Zimmer-Gedicht' geht es um die Bilder an seiner Wand am Arbeitsplatz. Diese wurden von einer Restauratorin für uns gerettet. Neben einem Bild von seiner Mutter zeigen sie nur deutsche Freunde. Wir haben aus dieser Wohnung einen Container voll Literaturgeschichte und sehr viele Bierkrüge herausgeholt.“

Frau Tworek zitiert am Schluss Graf selbst, der einmal über seine Englischkenntnisse gesagt hat: „Ich kann kein Englisch sprechen, brauch es aber auch nicht, weil ich her nur unter Deutschen bin. Wenn man seine Sprache verlässt, verlässt man seine Heimat.“

Damit gibt sie ein Leitwort, unter dem die ganze Tagung stehen könnte. Professor Walter Fähnders von der Universität Osnabrück, leitet mit seinem Referat „Anarchie, Boheme, Ästhetik – Konjunkturen einer Beziehung“ die Vormittagssektion ein.

Am Beginn bringt er eine Definition des Anarchismus als antistaatliche, antiautoritäre, föderalistische organisationskritische Bewegung, in der libertär-selbstbestimmtes Leben und Arbeiten nach dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe angestrebt wird. Weiter entscheidet er zwischen dem Arbeiteranarchismus und dem Intellektuellenanarchismus, der Überschneidungen mit der antibürgerlichen Subkultur der Boheme aufweist. Walter Fähnders analysiert die Anarchismusvorstellungen von Gustav Landauer und Erich Mühsam. Während Landauer die proletarische Arbeitsutopie im Sinne libertärer Selbstbestimmung gegen die prinzipielle Arbeitsverweigerung der Boheme gegenüberstellt, ruft Mühsam eine „Internationale der Deklassierten“ (Fähnders) aus, in der das „Lumpenproletariat“ und der Bohemien verbunden sind. Hier verortet Herr Fähnders, in Anlehnung an Georg Bollenbeck, OMGs Verbindungen zu Boheme und Anarchismus.

Im zweiten Teil des Referates wird untersucht, ob es eine anarchistische Ästhetik gibt. Fähnders zitierte Landauer, der in der „Litterarischen Beilage“ seiner Zeitschrift „Der Sozialist“ eine anarchische Literatur fordert, „um dem Freien und Schönen zum Sieg zu verhelfen, das Hässliche und Gemeine zu vernichten und die Anmaßung der Dummheit und Unterdrückungssucht zu stürzen!“ Dem Dichter komme die Rolle des „Seher(s) und Vorreiter(s) der zu befreienden Menschheit“ zu. Landauer lehnt die „Tendenzliteratur“ ab, die aktiv ins politische Leben eingreifen und verändern will, und fordert die große Dichtung, die Kraft ihres Kunstcharakters den Menschen ändert. Erich Mühsam hingegen produziert Tendenzliteratur. Gerade die Lyrik – im 1. Weltkrieg wurden geschätzte 50 000 Gedichte geschrieben - eignet sich für die Agitation in Kampfzeiten. Aber auch Mühsam unterscheidet zwischen Tendenzliteratur und Kunst mit ästhetischem Anspruch. Als Ergebnis hält Fähnders fest: „In Dingen der Kunst bleibt die politische anarchistische Bewegung eher von einem ästhetischen Traditionalismus geprägt.“

In ihrem Referat „Erich Mühsam – Ästhetik und Politik geht Laura Mokrohs auf die Bezüge im lyrischen Schaffens von OMG und Erich Mühsam ein. Erich Mühsam selbst hat seine eigenen Gedichte einmal als „Aufrufe, Proklamationen und Manifeste“ bezeichnet – für Graf sind diese „wertlos – aber propagandistisch gut“.

Wie hellsichtig die Gedichte Mühsams sind, zeigt ein Auszug aus der „Gebrauchsanweisung für Literaturhistoriker“. Es geht um den Nachruhm: Es sei: Mein Name gilb in Listen form- und gemütbegeisterter Seminaristen, mit einem Schandkreuz angemerkt. - Ich bin's zufrieden. Sonst sei er ausgelöscht im Weltgedächtnis. Auch sei, was ich von Mond und Mädchen je gedichtet, für Dissertationen im Archiv geschichtet: das Tote ist dem Leben kein Vermächtnis! ... Doch, blieb aus meinem Freiheitsruf ein Reim, ein einziger, lebendig bei Rebellen - gelang ein Wort mir, Dumpfheit zu erhellen - so kehr mein Name gern zum Lethe heim. Denn: färbt ein weißes Blütenblatt sich rot vom Blute meiner Leidenschaft - ein einziges auf dem Feld, wo junge Kraft den Sieg erkämpfen soll -, so ist mein Werk nicht tot! Es lebe im Hauche, den es stärkend trug zum Kampf der Jugend. - - Name nicht, noch Wort - der Geist, der wirkende lebe fort! Darf meiner Freiheit wirken, ist's mir Ruhm genug.

(Aus: Gebrauchsanweisung für Literaturkritiker. In: Verse eine Kämpfers, © e- artnow,2015)

OMG entdeckt in Mühsam eine „robuste eigene Selbstsicherheit“ und nennt dann einfach alles, was nicht in sein Leben passt, „kleinbürgerlich“. Im Anschluss an den Vortag eine erste Diskussion über die „Bildhaftigkeit“ der Poesie: Festzuhalten ist, dass der von den Nazis ermordete Mühsam in seinem lyrischen Werk immer politisch und sozial engagiert gewesen ist und damit das zeitgenössische Denken beeinflusst hat.

Es folgte Sebastian Schuller mit seinem provozierenden Beitrag „Graf und die Literatur des Partisanen.“ Für Schuller machte sich Oskar Maria Graf „Unterlegenheit und Schwäche“ gezielt zu Nutze – genauso wie der Partisan. In der Rolle des Außenseiters kann er die Gesellschaft vorführen und auch stören: Mit der Rolle des Picaro kann er die Gesellschaft dem Lachen preisgeben. Sein despektierliches Verhalten gegenüber Vorgesetzten während des Militärdienstes im 1. Weltkrieg ist nur scheinbar mit seinem „bäuerlichen Herkommen“ zu erklären (wahrhaft bäuerlich war das Herkommen ja gar nicht – gemeint ist die „gespielte Naivität“!). Für Schuller ist der Begriff des „literarischen Partisanen“ auch deswegen gerechtfertigt, weil sich Grafs emanzipatorische Kraft auch darin zeigt, dass er sich „zwar mit einem Standpunkt lokalisiert – nicht aber unbedingt mit einer Örtlichkeit.“ Graf ist für ihn ein „Parteigänger der Unterdrückten, er etabliert Widerstand und bleibt auch widerständig“.

Die Zuhörer waren begeistert über den kraftvollen Vortrag über eine „literarisierte Partisanentechnik“; in der Diskussion aber ist man sich nicht ganz einig, wie man mit den in den Raum geworfenen Begrifflichkeiten umgehen soll. So wird der Einwand geäußert, dass der Partisan sich stets eine militärische Strategie ausdenken würde, dass es einen Partisanen auf Lebenszeit“ noch nie gegeben habe, dass das Partisanentum stets zeitlich begrenzt sei.Von Frau Bannasch wird eingeworfen, man müsse genauer im Auge behalten, wo das „lyrische Ich“, wo das „autobiographische Ich“ in Grafs „Wir sind Gefangene“ zum Ausdruck komme. Sicherlich sei der junge Graf kriegstraumatisiert gewesen und habe eine ganz greifbare „wirkliche Angst“ vor der Front und dem Kriegstreiben gehabt. Herr Dittmann schlägt an dieser Stelle den Begriff „pazifistischer Partisan – Partisan for Peace“ vor und zitiert Graf: „Und manchmal kommt es, dass wir Mörder sein müssen.“ Im späteren Gespräch äußert Herr Schuller, dass Graf vermutlich für die aktive Niederschlagung des deutschen Faschismus gewesen sei. Aus diesem Grunde würde er Graf vielleicht lieber einen „überzeugten Antimilitaristen“ nennen.

Nach der etwa einstündigen Mittagspause, in der noch intensiv über die Referate diskutiert wurde, folgte der zweite Teil der Tagung, der unter dem Titel „Neue Perspektiven der Exilforschung“stand.

Das Impulsreferat von Frau Prof. Dr. Bannasch beschäftigte sich mit den „Neue(n) Perspektiven der Exilforschung“. Ursprünglich wollte Frau Bannasch das Referat zusammen mit ihrer Doktorandin Gerhild Rochus halten, die aber leider wegen


Krankheit ausfiel. Hinter der harmlosen Feststellung „Wenn man ein Land verlassen musste, ist dies immer schwierig für den Schreibprozess.“ verbirgt sich ein so komplexer Forschungsbereich, dass nur einige Schwerpunkte in diesem Bericht angerissen werden können.

Frau Bannasch beginnt mit einer umfassenden Definition des Begriffs „Exilliteratur“: Zu berücksichtigen sind die Entstehungsgeschichte sowie die Produktions- und Veröffentlichungsbedingungen eines Werkes. Als Beispiel: Ist das Werk vor 1933 entstanden oder danach, wie ist die biographische Situation, welche Vorstellungen von „Heimat, Entwurzelung, Identität und Sprache“ stehen dahinter, wie wird der Exilbegriff im jeweiligen Text entfaltet? Frau Bannasch verweist auch darauf, dass exilierte Autorinnen erfasst werden müssen und dass die jüdische Tradition des Exils eine große Rolle spielt. So beschäftigt sich die Exilforschung mit dem Exil als einem „Ort für Prozesse der Dynamisierung, Durchkreuzung und Hybridisierung kultureller und nationaler Identitätskonzepte sowie traditioneller Geschlechterordnungen.“ (Bannasch) Darüber hinaus fragt sie, inwieweit postkoloniale Forschungsergebnisse nutzbar gemacht werden können. Am Schluss des sehr dichten Referates stellt Frau Bannasch noch die Frage nach der Repräsentativität des individuellen Gedächtnisses und ob die Literatur unter dem Aspekt Trauma oder Therapie zu sehen ist. Sie beschließt mit dem Verweis auf die Bedeutung der Entstehung- und Rezeptionsgeschichte eines Werkes.

Zwei Gedanken prägen sich besonders ein: „Das 'andere', idealistische Deutschland formiert sich im Ausland.“ (Thomas Mann). Kann man also im Nachkriegsdeutschland noch leben, kann man in der „Mördersprache“ noch weiterschreiben? Und: Graf hat sein Exil nach 1945 auf Lebenszeit verlängert, während er um 1933 noch von „einem großen Wartesaal“ sprach, in dem die Literaten zusammen saßen. Warum?

Matthias Jean-Marie Schäppi gibt eine Antwort darauf in seinen Überlegungen zur „Sprach- und Erzählkrise von OMG im Exil“. Oskar Maria Graf wird ab 1933 von der Provinz als „Pendant zur großen Welt und zur Großstadt“ abgeschnitten. Die Folgen zeigen sich nicht gleich, denn im Wiener und im Brünner Exil kann er stofflich aus dem Vollen schöpfen und lebt zugleich im deutschen Sprachraum. Im New Yorker Exil spürte das Graf nicht so intensiv, da der politische Kampf gegen die Faschisten und die Hoffnung auf eine sozialistische Neuordnung Europas im Vordergrund steht: „Wir müssen uns vor der Welt als 'Deutsche Literatur' behaupten.“ (OMG). Nach dem Krieg gerät Graf in eine bittere Krise: Er, der sich als deutscher Schriftsteller versteht, kann sich immer weniger mit den divergierenden Vorstellungen der Emigranten identifizieren. Dem Erzähler Graf, der weiterhin nur in Deutsch schreiben will (und kann), verliert das Lesepublikum. Da aber sich aber vor allem als mündlicher Erzähler versteht, fehlen ihm zunehmend die Zuhörer. Die Erzählkrise, die aus dieser Situation entsteht, versucht OMG in seinem Roman „Die Flucht ins Mittelmäßige“ zu gestalte: Der Emigrant und Schriftsteller Martin Ling trägt unverkennbar die Züge Grafs. Ling scheitert letztlich, weil es ihm nicht gelingt, seine Stärke, das mündliche Erzählen, überzeugend schriftlich zu fassen. Im Roman, der keine tragfähige Handlung aufweist, dominiert das „Diskutionelle“ (W. F. Schoeller). Damit rückt Graf – so Matthias Schäppi – in die Nähe des Chandos-Briefs von Hofmannsthal oder des Nouveau Romans und wird zu einem Begründer einer neuen epischen Schule. „ Das Exil als Erinnerungsrahmen“: In ihrer Einleitung stellt Frau Velte zwei Leitfragen: Wo endet Dokumentation? Wo beginnt Fiktion? Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die beiden Autobiographien „Wir sind Gefangene“ und „Gelächter von außen“. In beiden Werken unterscheidet sie scharf zwischen dem erzählten Ich und dem Erzähler. Wenn „Erinnerung als retrospektiver, selektiver und konstruktiver Vorgang sich stark auf die Gegenwart des Erzählers bezieht, wird das Leben im Exil damit zum zentralen Faktor der Graf'schen Autobiographik nach 1933“, schlussfolgert Velte. Die Beispiele, die herangezogen werden, folgen den Fragen nach dem Subjekt, dem Inhalt und der Gestaltung der Erinnerung.

Als Beleg zieht Frau Velte nun das Vorwort der 1. Auflage und das der ersten Nachkriegsveröffentlichung (1965) von „Wir sind Gefangene“ heran. Der erzählende Schriftsteller reflektiert 1927, angeblich dokumentarisch, seine Zeit und sein Werden als Schriftsteller. Im Vorwort von 1965 äußert sich Graf als „etablierter, selbstkritischer Berufsschriftsteller“ - aber im Exil!

In der Einleitung von „Gelächter von außen“ geht Graf auf die ersten beiden Vorworte ein, betont nun aber, dass sich mit den Veränderungen nach 1933 die Sehweise verändert hat und Ereignisse erst in der Rückerinnerung Bedeutung erhalten. Drei unterschiedliche Reden, drei unterschiedliche Standpunkte, aber gemeinsam ist ihnen „die Selbstinszenierung als Schriftsteller und Dokumentar einer politisch bewegten Zeit.“ (Velte)

Mit diesem Einblick in das „Exil als Erinnerungsrahmen“ endet Frau Velte. Die Ausführungen zum Inhalt bzw. der Ausformung der Erinnerungen (Motive, narrative Verfahren) versprechen weitere Einsicht in Grafs Rolle als Exilschriftsteller. Zum Abschluss der Tagung im Lyrik Kabinett beschäftigt sich Stefan Seidl in seinem Referat „OMG und die bildende Kunst“ mit dem Kunstkritiker Graf. Diese Seite ist ja weitgehend unbekannt, obwohl Graf 42 kunstkritische Beiträge verfasst hat, die Mehrzahl vor 1933. Die Artikel vor 1933 erschienen in renommierten Fachzeitschriften, im New Yorker Exil bleibt ihm eigentlich nur die Exilzeitung "Der Aufbau“.

Graf gibt zwei Versionen, wie es zu dieser Tätigkeit gekommen ist. Im „Notizbuch eines Provinzschriftstellers“ will er selbst darauf gekommen sein, im „Gelächter von außen“ rät ihm der Maler Georg Schrimpf dazu, weil Kunstkritik lukrativer sein soll als die Veröffentlichung von Gedichten. Der Widerspruch in den beiden Darstellungen fußt auf Grafs Erzählprinzip, wirkungsvolle Pointen zu setzen.

Wie kommt nun ein Autodidakt zur Anerkennung als Kunstkritiker? Graf beschreibt das: Am Anfang steht die Aneignung der Sprache, der sich die Kunstkritik bedient. Das fällt Graf nicht schwer und so fasst er seine Eindrücke von einem Kunstwerk. Über Diskussionen mit seinen zahlreichen Malerfreunden, in der Schwabinger Boheme und in intellektuellen Zirkeln eignet er sich seinen Kunstverstand an. Im Exil ist das schwieriger, aber auch hier findet er Malerfreunde, mit denen er diskutieren kann. Außerdem sucht er den Kontakt zu den Künstlern, die in Deutschland geblieben sind und unterstützt sie.

Stefan Seidl Dissertation verspricht sehr spannend zu werden, weil er darin die kunstkritischen Schriften, die schwer zugänglich sind, erstmals zusammen edieren und kommentieren will.

Die Tagung beschließt am Abend Ulrich Dittmann, der langjährige Vorsitzende der OMG-Gesellschaft, im Hauptgebäude der Universität mit seinem komplexen Vortrag über „Paratexte im Werk Oskar Maria Grafs“. Paratextualität meint nach Gérard Genette Textteile, die zusammen mit dem Text auftreten, aber nicht eigentlich zum Text gehören wie Titel und Titelbild, Untertitel, Vorworte, Nachworte, Fußnoten, Gattungszuweisungen, Illustrationen usw., so dass es der eigentlichen Absicht von Autor, Herausgeber oder Verlag nachzuspüren gilt.

Eine solche Untersuchung verlangt eine minutiöse Darstellung, die aber an dieser Stelle nicht geleistet werden kann. Deshalb wird nur der Hinweis auf den den Autorennamen herausgegriffen, der ja gewissermaßen das Markenzeichen eines Dichters ist. Herr Dittmann stellt fest, dass in den verschiedenen Ausgaben der Werke Grafs der Autorenname unterschiedlich auf dem Cover erscheint: ohne Vorname, groß, klein usw. Die beiden Sammelausgaben vom Süddeutschen Verlag und von der Büchergilde Gutenberg verleihen „dem Namen auf Schutzumschlägen und Einbänden monumentale denkmalsgleiche Prominenz“ (Dittmann). Der Süddeutsche Verlag setzt sogar noch unter die übergroßen Druckbuchstaben die Autor-Signatur. Für Dittmann, und das weist er überzeugend nach, wird nicht erkannt, welche Bedeutung der Autorennname für Oskar Maria Graf besitzt. In den beiden Autobiographien schildert er, wie er den seinen Autorennamen findet: In Abgrenzung zu dem Kriegsmaler Oscar Graf nennt er sich Oskar Maria Graf. Damit dokumentiert er seine pazifistische Haltung. Für die Zeitgenossen war das keine Referenz vor Rilke, sondern eher eine „freche Anleihe“ (Dittmann), in „Gelächter von außen“ benennt Graf diese Episode mit „Die Firma erhält einen Namen“. Dittmanns Resumee lautet: „Während Graf das eigene Autorenbild subversiv abbaut, wohl um allgemeinen Erwartungen an Dichtung zu widersprechen, pochen andererseits seine Stoffe auf den Ernst des Autors als antimilitaristischen Zeitkritiker.“

Herr Dittmann zeigt noch an weiteren Beispielen wie dem Titelbild, dem Autorenphoto oder den handschriftlichen Widmungen auf, wie komplex diese Forschungsrichtung ist. Sein Fazit: Es bedarf einer neuen, gründlich philologisch erarbeiteten Edition der Werke Grafs.

Die Gespräche nach dieser langen und intensiven Tagung zeigen: Oskar Maria Graf und sein Werk sind aktueller denn je! Und es wird von jungen Forschern erschlossen!

201219 via fb gil


"Texte statt Brezn" - Lesereihe der Oskar Maria Graf-Gesellschaft - 28.01.2020 20 Uhr

Im Rahmen von "Texte statt Brezn" der Oskar Maria Graf-Gesellschaft widmen wir uns in einer sechsteiligen Lesereihe Grafs Roman: Unruhe um einen Friedfertigen. Dieser spielt in der Zeit zwischen Erstem Weltkrieg und der Machtergreifung der Nazis und schildert die schleichenden Veränderungen und den aufkommenden politischen Fanatismus. Das unmenschliche Spiel des Hasses und der Gewalt bricht in die heile Welt des beschaulichen Dorfes Auffing.

Eintritt frei.

Weitere Termine: 25. Februar, 31. März, 28. April, 26 Mai, 30. Juni.

Es lesen Katrin Sorko und Oliver Leeb Musikalisch begleitet von Josef Eder, Simon Ackermann, Luis Maria Hölzl, Stefan Straubinger, Maxi Pongratz u. a.

https://www.facebook.com/events/180706039710689/?notif_t=plan_reminder&notif_id=1580234403495238

2801 via fb


Oskar Maria Graf - Gefangenschaft und Lebenslust

Gerhard Bauer schreibt in seiner Werk-Biographie "Oskar Maria Graf - Gefangenschaft und Lebenslust" (1987, Süddeutscher Verlag München ISBN 3-7991-6355-7)

"Graf bleibt mit seiner antitheoretischen Haltung auf die meisten von ihm aufgeworfenen Fragen die Antwort schuldig. Er bringt uns nicht recht weiter, weder philosophisch und lebenskundlich noch politisch. Er verstärkt nur noch die Dringlichkeit, die Schwierigkeiten, die Präsenz und Unausweichlichkeit des Lebens, in dem wir sowieso stehen. Er macht uns damit aber auch Mut und Lust, uns diesem Leben zu stellen. Er vertraut wie die älteren Schriftsteller darauf, daß die Leser irgendwelche Lebenslösungen sich doch nicht aus Büchern holen, sondern sie, von den Büchern nur angekratzt, `beraten`oder `verunsichert`, sich selber suchen müssen. Sein Freund Ernst Waldinger sah es so:

`In einer Zeit, die dem Erzählen abhold, Den Weltzusammenhang verleugnet, brachtest Aus kleinem Dasein du die Welt zusammen.` "

(Seite 231)

020520 via fb

Meine Werkzeuge