Niklas Luhmann

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Niklas Luhmann (1927-1998)

Zettelkasten von Niklas Luhmann

ist jetzt teilweise online verfügbar (via heise.de):

„Rund 90.000 handschriftliche Notizen versammelte Luhmann im Laufe von fünf Jahrzehnten in dem hölzernen Büromöbel. Ihm ging es dabei um weit mehr als die Akkumulation von Gedanken, Zitaten und Literaturangaben: Ein ausgeklügeltes Anschluss- und Verweisungssystem machte seine Zettelsammlung zu einem „kompetenten Kommunikationspartner“, der Ideen und Überraschungen hervorbringt. (…)

Mit der Freischaltung der neuen Internetpräsenz des Niklas Luhmann-Archivs haben die Akteure aus Bielefeld und Köln einen wichtigen Meilenstein hinter sich gelassen: Rund 4.000 Zettel sind bereits vollständig erfasst und laden zum Blättern und Stöbern direkt im Browser ein. Sie gehören zum Zettelkasten I, denn die Sammlung gliedert sich in zwei Kästen, die einen Übergang von Luhmanns Forschungsinteressen weg von eher juristischen und verwaltungswissenschaftlichen Fragen hin zu Soziologie und Philosophie dokumentieren. Weitere rund 35.000 Zettel stehen online zunächst lediglich als Bilddateien zur Verfügung.“

080419 via digithek ch


https://niklas-luhmann-archiv.de/nachlass/zettelkasten

050922 via site


Communicating with Slip Boxes - An Empirical Account - by Niklas Luhmann

I

What follows is a piece of empirical sociology. It concerns me and someone else, namely my slip box [or index card file]. It should be clear that the usual methods of empirical sociology would fail in this special case. Still, it is empirical, as this case really obtains. And it is research, for we can—at least that is what I hope—generalize from it; even though one of the participants, or better: both of them, themselves generalize themselves .

For generalizations or research that also applies to other cases, we need problems, concepts, and, whenever possible, theories. For both of us, that is myself and my slip box, it is easy to think of systems theory. In any case, it is being presupposed. In spite of this, we choose a communicative theory starting point. No one will be surprised that we consider ourselves to be systems, but what about communication or even successful communication? One of us listens to the other? This needs to be explained.

That slip boxes can be recommended as partners of communication is first of all due to a simple problem about technical and economic theoretical research. It is impossible to think without writing; at least it is impossible in any sophisticated or networked (anschlußfähig) fashion. Somehow we must mark differences, and capture distinctions which are either implicitly or explicitly contained in concepts. Only if we have secured in this way the constancy of the schema that produces information, can the consistency of the subsequent processes of processing information be guaranteed. And if one has to write anyway, it is useful to take advantage of this activity in order to create in the system of notes a competent partner o communication.

One of the most basic presuppositions of communication is that the partners can mutually surprise each other. Only in the way can information be produced in the respective other. Information is an intra-systematic event. It results when one compares one message or entry with regard to other possibilities. Information, accordingly, originates only in systems which possess a comparative schema—even if this amounts only to: “this or something else.” For communication, we do not have to presuppose that both parties use the same comparative schema. The effect of surprise even increases when this is not the case and when we believe that a message means something (or is useful) against the background of other possibilities. Put differently, the variety in communicating systems increases when it may happen that the two partners successfully communicate in the face of different comparative goals. (This means that it is useful for the other partner.) This requires the addition of randomness (Zufall) into the system—randomness in the sense that the agreement of the different comparative schemata is not been fixed, or that the information which is transmitted by communication is correct, but rather that this happens (or does not happen) “at the occasion” of communication.

If a communicative system is to hold together for a longer period, we must choose either the rout of highly technical specialization or that of incorporating randomness and information generated ad hoc. Applied to collections of notes, we can choose the route of thematic specialization (such as notes about governmental liability) or we can choose the route of an open organization. We decided for the latter. After more than twenty-six years of successful and only occasionally difficult co-operation, we can now vouch for the success or at least the viability of this approach.

Naturally, the route that creates a partner in communication that is meant for the long haul, is open, and not thematically limited (but only limiting itself), makes certain structural demands on the partners. You might, given the great trust that is still being put in the abilities of human beings, trust that I fulfill these presuppositions. But what about the slip box? How must it be conceived that he will acquire the corresponding communicative competence? I cannot answer this question deductively, not by means of a review of all the possibilities and the selection of the best. We shall remain at the bathos of experience and give only a description saturated by theory.

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https://luhmann.surge.sh/communicating-with-slip-boxes

310523 via site

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www.deutschlandfunk.de/luhmanns-zettelkasten-in-bielefeld

Ein Fetisch der Wissenschaft trifft auf Kunst

Die Zettelkästen des Soziologen Niklas Luhmann, aber auch Zeichnungen des Bildhauers Ulrich Rückriem und Arbeiten des Fotografen Jörg Sasse sind zu sehen: Die Kunsthalle Bielefeld lädt mit der Schau „Serendipity – Vom Glück des Findens“ zum Entdecken von Zusammenhängen ein.

Von Jochen Stöckmann | 11.07.2015

https://www.deutschlandfunk.de/luhmanns-zettelkasten-in-bielefeld-ein-fetisch-der-102.html


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Niklas Luhmann, der die Technik des Verschlagwortens und Verweisens

so perfektionierte, dass er seinen Zettelkasten mit der Zeit sogar als „Junior-Partner“ anerkannte, hatte in dem Genfer Mathematiker und Physiker Georges-Louis Le Sage im achtzehnten Jahrhundert einen zwar ähnlich sammelfreudigen, aber weit weniger erfolgreichen Vorgänger. Le Sage beschriftete Zeit seines Lebens etwa 35.000 Karten in einem Format von sechs mal neun Zentimetern mit den unterschiedlichsten Informationen: Zitate oder eigene Reflexionen, Skizzen für künftige Bücher oder Themen, die er erforschen wollte. Ausführlich dachte er über die Möglichkeiten nach, mit einem systematisch aufgebauten Zettelkasten seinem miserablen Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.

Letzteres schlug aber wohl nicht selten in sein Gegenteil um, wie er einer seiner Karten anvertraute. Eigentlich sollten diese ihm dabei helfen, Verbindungen zwischen unterschiedlichen Phänomenen herzustellen und so Neues zu entdecken. Doch immer wieder sortierte er die Karten um, gruppierte sie neu und steckte sie in kleine Umschläge, auf die er die Themen notierte, die sie enthielten. Diese bewahrte er wiederum in diversen Kästen oder Schubladen auf. Manchmal verlor er auf diese Weise, so klagte er, Zusammenhänge für längere Zeit derart aus dem Blick, dass in der Zwischenzeit andere die Erfindungen machten, die eigentlich in seinen Karten ebenfalls vorbereitet gewesen seien – zum Beispiel die, wie er fand, „brillante Erfindung des Gasballons“.

Eindrucksvolle Beispiele

Wenn Le Sage und sein Zettelkasten in jüngster Zeit das Interesse der Wissenschaftsgeschichte auf sich ziehen, dann allerdings weniger aufgrund seiner einigermaßen unbeholfen wirkenden Vorläuferschaft zu einer weitaus ausgereifteren Technik der Verzettelung, sondern vielmehr wegen des Materials, das er für seine Notizen nutzte. Denn Le Sage schrieb auf der Rückseite von ausrangierten Spielkarten, und mit dieser Art der Zweckentfremdung war er in seiner Zeit bei Weitem nicht allein. An eindrucksvollen Beispielen zeigen dies die Beiträge in dem Sammelband zu den „Spielkarten des Wissens“, den die Wissenschaftshistoriker Jean-François Bert und Jérôme Lamy zusammengestellt haben. Die Aufsätze sind lesenswert nicht nur als Beitrag zur Erforschung der materiellen Voraussetzungen von Wissenschaft und ihrer Praktiken.

... ab hier als paid content ...

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/ueber-spielkarten-abseits-des-spieltischs-19190661.html

270923 via digithek ch

bzw

https://web.archive.org/web/20230928011230/https://blog.digithek.ch/technik-des-zettelkastens-von-niklas-luhmann-online/

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Vortrag

Münster, 13.1.1968

Technik des Zettelkastens

I. Problemstellung Reihenförmiger Anfall von Informationen, die verfügbar bleiben sollen.

Das Gedächtnis löst das Problem des Findens unabhängig von der Reihenfolge des Eingangs, hat aber eine begrenz- te Leistungsfähigkeit.

Bei schriftlichen Aufzeichnungen wiederholt sich dies Problem. Beispiel: Vorlesungsmitschriften.

Lösung ziemlich wichtig und genauer Überlegung wert.

II. Äusseres Kein übertriebener Aufwand: Zunächst genügt tragbarer Pappkasten, später evtl. Holzkästen in Viererblocks.

Papierzettel (oktav) genügen vollauf, einseitig beschrei- ben. Karten evtl. für Schlagwortregister. usw.

III. Ordnung – das zentrale Problem 1) Man muss unterscheiden zwischen themenspezifischen Zettelsammlungen und Dauereinrichtungen für ein Studium oder ein wissenschaftliches Lebenswerk.

2) Wichtig: Fester Standort eines jeden Zettels, der nie verändert werden darf, weil davon das Finden ab- hängt. Herausnehmen bei Benutzung und exakt Wieder- einstellen.

Das erfordert Nummerierung der Zettel. Es wird lange Nummern geben, daher Abwechseln zwi- schen Zahlen und Buchstaben zu rascherem Erkennen: 533/15 d 17 a 1[*].

3) Einfächern neuer Zettel: Anschliessen oder Zwischen- schieben.

4) Verweisungstechnik löst alle Ordnungsprobleme. Fehlplacierungen müssen durch Verweisung korrigiert werden, nicht durch Umstellen. Es ist prinzipiell gleichgültig, wenn auch manchmal lästig, zusammengehörige Zettel unter ganz verschie- denen Nummern zu haben. Was zusammengehört, ändert sich ohnehin mit der Frage- stellung und kann nicht von vornherein schematisch vorentschieden werden. Keine Zwangsjacke, sondern Prinzip der Beliebigkeit.

5) Trotzdem eine gewisse Groborientschematisierung für den An- fang wichtig. Erleichtert das Finden von "Gegenden". Woher? Literaturliste, Lehrbücher. Nochmals: das ist kein Kernproblem.

IV. Beispiel: Risk Handling in Drug Adoption Welche Stichworte: Ärzte, Medikamente, Medizin, Fir- men, Werbung? Das Naheliegende ist zu konkret, um für andere Probleme verwendbar zu sein. Mein Interesse war: Ungewissheit, Vertrauen. Verwei- sungen zu: Risiko, Fehler, Reduktion von Komplexität. Möglich wäre auch: Medizinsoziologie.

Das Erreichen einer Abstraktionstufe ist ein langsa- mer Lernprozess, der an das im Zettelkasten schon vorhandene anschliesst. So konsoldieren sich begriff- liche und interessemässige Schwerpunkte.


V. Inhalt 1) Exzerpte? Nur, wenn es sich um förmliche Definitionen oder um prägnante Formulierungen handelt. Nicht seiten- weise Abschreiben. Am Anfang mehr als später; genau zitieren!

2) Wichtig: eigene Formulierungen versuchen. Das macht eine strikte Trennung eigenen und fremden Gedankenguts erforderlich.

Kritisches Referieren ist zugleich eigene Gedankenarbeit, ist zugleich ein Lernprozess, ist zugleich ein Schlei- fen der eigenen Sprache.

Auch Vorlesungsmitschriften, Notizen über Gespräche, Einfälle bei allen möglichen Gelegenheiten können in den Zettelkasten hinübergearbeitet werden.

Überholtwerden unvermeidlich. Beweis eines Lernerfolgs.

3) Ferner: Literatur.

a) Für Bücher, Zeitschriftenaufsätze, die Sie in der Hand gehabt und bearbeitet haben, empfiehlt sich ein besonderer Bereich im Zettelkasten, vorne oder hinten, mit Zetteln über bibliographische Angaben. Ein Zettel pro Buch. Wichtig: Beschränkung auf selbst überprüf- te Angaben. Ermöglicht abgekürztes Zitieren auf den Zetteln.

b) Daneben: Angaben über noch nicht gelesene Literatur zu bestimmten ThemenX in den Zettelkasten selbst an Ort und Stelle aufnehmen. X aus Anmerkungen in der gelesenen Literatur oder aus Rezensionen, Verlagskatalogen usw.

VI. Finden der Zettel Wird bei grösserem Umfang problematisch werden. Mir reichen im grossen und ganzen zwei Hilfsmittel aus: 1) alphabetisches Stichwortverzeichnis; 2) Notizen auf den Literaturzetteln, falls das Problem über den Namen hochkommt.

VII. Zum Schluss: aus persönlicher Erfahrung Andere arbeiten anders.


https://niklas-luhmann-archiv.de/bestand/manuskripte/manuskript/MS_2906_0001

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hektor-haarkoetter-notizzettel-9783103973303

https://www.fischerverlage.de/buch/hektor-haarkoetter-notizzettel-9783103973303

190825 via fb ilka wg sbb

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In Heidelberg wurde der Zettelkatalog der UB gescannt und ist digital im Netz

https://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/kataloge/digikat.html

200825 via fb ilka wg sbb

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Nikolaus Bernau

widerspricht in der FAZ:

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/der-generaldirektor-der-staatsbibliothek-will-den-zettelkatalog-entsorgen-lassen-110642746.html

“Doch auf den Karteikarten der Berliner Staatsbibliothek sind eben nicht nur die nüchternen Titeldaten, sondern handschriftlich oder mit Stempeln viele Informationen verzeichnet, die beim Abschreiben nicht in den elektronischen Katalog aufgenommen wurden. Sie sind nur noch hier zu finden. Es geht etwa um frühere Eigentümer, die Folgen von Enteignungen, Zensurvermerke aus der Nazi- und der DDR-Zeit. Wer etwa über die Architektur- und Designgeschichte der DDR und ihre Neuorientierung auf den westlichen International Style seit etwa 1960 forscht, kann hier – und oft nur noch hier – nachvollziehen, welche Fachbücher nach dem Mauerbau 1961 in der DDR überhaupt noch gelesen werden konnten – und wer Zugang hatte.

Auch standen diese Kataloge einst überwiegend in Ost-Berlin, die Bestände der Staatsbibliothek aber weitgehend in West-Berlin. Dass Ost-Bibliothekare West-Bibliothekaren klammheimlich halfen, verborgen vor der Stasi Karteikarten im Haus Unter den Linden abzuschreiben, um zu erfahren, was denn nun Kriegsverlust oder in der Sowjetunion geblieben ist, gehört zu den vielen legendären Wendungen der deutsch-deutschen Bibliotheksgeschichte. Diese Zettelkataloge sind also nicht nur ein einzigartiges Monument der Wissensgeschichte Preußens, sondern auch des Kalten Kriegs.”

190825 via a wg sbb

Der Zettelkatalog: Ein historisches System geistiger Ordnung

Taschenbuch – 1. Februar 1999 von Hans Petschar (Autor), Heimo Zobernig (Autor)

1998 wurde die Digitalisierung der Kataloge der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien abgeschlossen. Damit verlieren 84 Katalogkästen mit rund dreitausend Laden und Millionen Karteikarten, an denen Bibliothekare mehrerer Generationen gearbeitet haben, ihre Funktion. Eindrucksvoll in ihrem Umfang, zugleich neutral und steril, erzählen die Kästen und Karten von einer über Jahrhunderte entwickelten methodischen Anstrengung der Ordnung und Disziplinierung der Erinnerung. Neben der fotografischen Dokumentation des Katalogs, faksimilierten Bibliotheksvorschriften, Beiträgen zur Geschichte des Archivierens sowie über den Katalog als Objekt enthält der Band ausgewählte literarische Texte (u.a. von Robert Musil) – und nicht zuletzt ein Stück Geschichte: Jedem Buch ist eine Originalkarte des Zettelkatalogs beigelegt. Die Dokumentation des Katalogs der Österreichischen Nationalbibliothek als Erinnerung an ein aufgrund der Digitalisierung obsolet gewordenes Ordnungssystem. Ab Februar 1999 wird "Der Katalog" an verschiedenen Stationen in Europa von Ernst Strouhal und Heimo Zobernig präsentiert.

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